von
rieksmeier
@ 2007-08-16 - 17:25:06
„Altersvorsorge macht Schule“? Wissen wie’s nicht geht!
„Altersvorsorge: wissen wie’s geht“. So werben die Bundesregierung, die Deutsche Rentenversicherung und der Bundesverband der Volkshochschulen für ihre Ende Januar gestartete Initiative. In 500 Volkshochschulkursen sollen erwartet 20.000 Teilnehmer lernen, wie sie die Gesetzliche Rente (GRV) sinnvoll ergänzen können, um ihren heutigen Lebensstandard zu sichern; „umfassend und übersichtlich“, fundiert und verständlich“, so die Eigenwerbung, „neutral und unabhängig“.
Für den Kursteilnehmer heisst das: 544 Seiten Kursmaterial, verteilt auf 270 Folien und 277 Seiten Papier-Dokumentation, werden angewandt, um die Menschen zum Rentensparen zu bringen. Hinzu kommt ein 16-seitiger „Leitfaden zur Altersvorsorge“, einem formgerechten Antrag auf Altersrente nicht unähnlich. Die Bürger brauchen Sitzfleisch, um „Experten in eigener Sache“ zu werden: sechsmal zwei Stunden werden sie aus der Freizeitgesellschaft gerissen. Ein gerissener Zug, die Leute zum Sparen zu bringen. So kommen garantiert nur die Motivierten. Das garantiert ein versiertes Publikum – oder sollte etwa andere Zielgruppe der verunsicherten Rentenbürger erreicht werden?
40 Folien genügen dem Kurs völlig zur Erklärung, Kategorisierung und Deklinierung der Gesetzlichen Rente (GRV). Dabei schafft man es sogar, auf eine bürgernahe Übersetzung der Rentenformel, des Nachhaltigkeitsfaktors, des Nachholfaktors, der Demografie, der Rente mit 67 und der Inflation zu verzichten. Und da wir schon dabei sind: weder an geeigneter noch an ungeeigneter Stelle finden sich Hinweise auf die Riesterförderung für Arbeitslose oder Eltern in Kindererziehung. Zurück zum Anfang: Jeder Pädagoge würde einfach auf der Renteninformation aufbauen, die jeder ab 27 Jahren regelmäßig erhält – fertig. Da könnte der Kurs beginnen aufzuhören und echte Experten an Bord nehmen.
Und dann die Methodik! Die Inhalte passen nicht zu den Überschriften der Haupt-Kapitel (Module): „Wie könnte mein Leben später aussehen?“ heisst das erste der sechs Kurs-Module. Die Antwort sind die oben genannten 40 Rentenfolien, hervorragende, nur wenig gekürzte Zitate aus dem Sozialgesetzbuch. Modul 2: „Was bekomme ich eigentlich als Rente?“ „Euro“ dachte sich der Autor spontan. Weit gefehlt: weder das „was?“ noch das implizierte „wie viel?“ werden behandelt. Dafür folgt ein nicht mehr lustiger Reigen aus fortgesetzter SGB-Ausbildung, privatem Kassensturz, ein bisschen Alterseinkünftegesetz, zig Rentenbesteuerungsbeispiele, bei denen auch der Aspekt „Hinterbliebenrente nach Versichertenrente“ nicht zu kurz kommt. Abgerundet wird das Modul ernsthaft wird mit den unterschiedlichen Abzugsverfahren von KV-Beiträgen.
„Exotenthemen“ wie die Bausparförderung und die Einordnung von Wohneigentum in die Altersplanung kommen sicherheitshalber nicht zur Sprache, denn dafür ist die Deutsche Rentenversicherung als Macher des Ganzen nicht zuständig: für Lebensarbeitszeitkonten auch nicht. Dafür zieht sich die Riesterrente in einem dauernden Tanz ums Goldene Kalb durch den Text, als wäre Riester leibeigen für die Deutsche Rentenversicherung erfunden worden. „Wir sind Riester, oder was?“ Dass Riesterrenten Riesters Rentenkürzung nur ersetzen, kein Wort in Volkes Ohr.
Im Modul 3, man kann es wirklich nicht anders sagen, läuft die Aktion zur Höchstform auf. Der sinnige Titel lautet (Marketingleute aufgepasst): „Soll ich privat vorsorgen, und wenn ja wie?“ lautet der Slogan der Ratlosigkeit, der dann auch konsequent verfolgt wird. Ein Beispiel? Gerne! Der Kurs kreuzt nicht nur das (falsch!) erklärte Magische Dreieck des Sparens mit § 31 Wertpapierhandelsgesetz (Anlagehorizont zu erfragen) zum Verständnismonster, er schafft auch ganz neue Begriffe und Thesen, die an Überflüssigkeit und Bedeutungslosigkeit nicht zu übertreffen sind. Das könnte auch vom Kabarettisten Piet Klocke sein.
Zitat:
„Vergleiche der Rendite von Altersvermögensbildung und Altersvorsorge sind unzulässig“
Die Begründung dieser Zeile, die „Altersvorsorge macht Schule“ gibt, möchte der Autor Ihnen ersparen, auch die 60 (in Worten ---sechzig--- ) Folien zur Betriebsrente (Modul 4), mit deren Inhalt einige der Leserinnen und Leser zuverlässig ihre bAV-Kompetenz 2 (nicht 1) erworben haben und die jetzt auch Direktzusagen auslagern dürfen. Der Kurs geht also einen langen Weg, um am Ende vor der bAV zu warnen, vor allem vor „gezillmerten“ Tarifen, die dem Rentenbürger übrigens nicht erläutert werden. Pest ist Pest, das weiß doch jeder. Modul 5 schlägt in Überschrift, Inhalt und Qualität die Brücke der Beliebigkeit zum Modul 3 (was kann ich und wenn ja, soll ich ...?). Die Teilnehmer schlafen oder haben sich nach den Selbsterfahrungen mit den ersten vier Kursteilen der Freizeitgesellschaft zugewandt und verzichten nunmehr auf die dritte oder vierte (wer weiß das schon?) Wiederholung des Alterseinkünftegesetzes, das nun in didaktische Harmonie mit der Riesterrente gebracht wird. Dabei wird größter Wert auf die detaillierte Darstellung des Riester-Zertifizierungsprozesses gelegt, so als würde der Interessent für einen VW Polo die Einzelergebnisse des EU-Norm-Crashtests mit den Ingenieuren nachlesen müssen, um ihn kaufen zu können. Um festzustellen, ob Sie riesterfähig sind, müssen Sie laut Kurs nur eine einzige Frage beantworten können: „ist § 26 Abs. 1 EStG erfüllt?“ Na? Isser? Wer weiß? Nun mal schnell ans EStG gesetzt und geblättert; gefunden, gelesen, nix verstanden. Schade! Andere Frage (nicht aus dem Kurs, sondern von mir): „Zahlen Sie Pflichtbeiträge in die gesetzliche Rentenversicherung?“ Noch einfacher: „sind Sie angestellt? Geht doch.
Modul 6: „Wie wähle ich das geeignete Altersvorsorgeprodukt? Wie schätze ich die Beratung ein?“ Mies! Unterste Rürup-Schicht. So schätze ich die Beratung von „Altersvorsorge macht Schule“ ein. Zu den Produkten, bei deren Auswertung, Beschreibung und Vernichtung die Verbraucherzentralen eingesprungen sind, kommt am Ende eine falsche Liste zustande, die als „Prioritäten der Förderwege“ serviert wird und die auf jede fachliche oder wissenschaftliche Begründung verzichtet. Professoren sind teuer, so dass auch bei der Erläuterung der Vermittlertypen die bekannten Klischees bedient werden, aber sehr sachlich, das muss man sagen. Und sehr falsch: „der Versicherungsmakler sollte (!) das Vermittlungsgeschäft unabhängig betreiben“ ist eine Mischung aus Inkompetenz und Stilblüte. Ausweislich der Inhalte der Module und der Dateieigenschaften (Erstellungsdatum), hat „Altersvorsorge macht Schule“ um die Jahreswende 2006/2007 herum die Bücher geschlossen und die neuen Paragrafen 34 d der Gewerbeordnung (Umsetzung der Vermittlerrichtlinie – Vermittlerrichtlinie?) gleich ganz weggelassen – das war schließlich nach Redaktionsschluss: die Kurse auch! Nach Redaktionsschluss und seit 22. Mai 2007 üben Versicherungsvermittler eine erlaubnispflichtige Tätigkeit aus. Wenn man den Kurs verfolgt und Teilnehmer befragt, dann sollte die Erlaubnispflicht auf die Macher von „Altersvorsorge macht Schule“ ausgedehnt werden, dringend! Die Kurse fallen! Und sie fallen weiter, weil „Neuerungen“ wie die Abgeltungssteuer oder das Jahressteuergesetz 2006 / Rürup-Nachbesserung) sehr wohl verlangt werden können. Mit welcher Arroganz erlauben es sich die Betreiber unter Münteferings Schirmherrschaft, auf Aktualisierungen der Rechtsstände des Lernportals zu verzichten? Die Kursteilnehmer erhalten nämlich am Ende eine Urkunde und einen Login zur E-Learning-Plattform der Deutschen Rentenversicherung. Das weckt Hoffnungen auf interaktives Selbstlernen. Es zeigt sich ein Downloadcenter für 544 Pdf-Seiten. Fazit: es wird wo immer möglich massiv Komplexität aufgebaut und in keiner Wiese zum Sparen motiviert. Diese Kurse sind sofort zurückzuziehen! Aktuelles auf http://rieksmeier.blog.de .
Der Autor Markus Rieksmeier, Hamburg, ist Versicherungsfachwirt und veröffentlicht regelmäßig zur Altersvorsorge und zum visuellen Produktmarketing der Finanzindustrie. Im Juli 2007 legte er als Ko-Autor des Buches „Alter, ist das herrlich“ (Autor Jürgen Hauser, Gabler Verlag) den viel beachteten Beitrag über das geförderte Sparen und seine Erklärung vor: „Nieder mit dem Finanziellen Analphabetismus!“, siehe http://riesterdeutsch-deutschriester.blog.de .
- Riester für ALG I / Hartz IV fehlt
- Rente mit 67 fehlt
- Demografie fehlt
- Nachhaltigkeitsfaktor fehlt
- Nachholfaktor fehlt
- Inflation fehlt
- Eigenheim und Rente? fehlt
- Bausparförderung fehlt
- Vermittlerrichtlinie/ VVG-neu fehlt
- Abgeltungssteuer fehlt
- Bedarfsanalyse: vorhanden. Vier unterschiedliche
- Verständlichkeit miserabel
- Vollständigkeit: vorhanden 60 Folien Betriebsrente, 40 Folien Riester, ,
- auf 40 Folien GRV fehlt die Rentenformel
- Falsche Rangliste der Sparrendite von Riester-, Rürup- Betriebs- und Privatrente, dort ohne Quelleangabe (vgl. Vermögensschaden, wenn Finanzberater Fehler machen!). Korrekt ist:Zwei Hauptprodukte staatl. Förderung falsch, tendenziös oder nicht behandelt (Rürup, Betriebsrente)
- Alterseinkünftegesetz als Ausgangspunkt nicht erläutert, nicht eingeordnet
- Fehlerliste mit den inhaltlich, fachlichen Fehlern füllt in Tabellenform 2 Seiten
- Völliger Verzicht auf Sparappelle! Kein Humor! Amtsdeutsch!