(Reporter7.com 12.07.2007) PRO FAUNA: "Die Ablehnung der Delfinhaltung im Nürnberger Tiergarten treibt seltsame Blüten"
Man darf nicht alle kritischen bis ablehnenden Stimmen zur Delfinhaltung in Nürnberg in einen Topf werfen. Da gibt es Menschen, die sich fragen, warum wegen einiger Meeressäuger und einer dem Durchschnittsbürger Rätsel aufgebenden Delfintherapie 17 Millionen Euro ausgegeben werden sollen ("Haben wir keine anderen Probleme?"). Andere bemängeln - durchaus nachvollziehbar - die relativ hohe Sterblichkeitsrate von Delfinen in Gefangenschaft bzw. in menschlicher Obhut (je nach ideologischer Ausrichtung). Diese und viele andere Bedenken muss man ernst nehmen, darf sie nicht wegbügeln, schon gar nicht mit der Forderung, dies alles ausschließlich sachlich zu sehen. Es geht nämlich nicht um Sachen, und schon 1974 schrieb Horst Stern in "Mut zur Emotion": "Die Emotion ist die leidenschaftliche Schwester des kalten Verstandes - und ihm ebenbürtig." Niemand kann sachlich begründen, warum er Blumen schöner findet als Beton (frei nach Konrad Lorenz).
Problematisch und alle konstruktiven Gespräche verhindernd wird es, wenn Emotion zum Fanatismus entartet, der Verstand also subtrahiert und durch primitives Freund-Feind-Denken ersetzt worden ist. Den Scharfmachern geht es ja gar nicht darum, ob, wie oder warum Delfine gehalten werden, denn sie outen sich selbst als kompromisslose Zoogegner, die jegliche Zootierhaltung ablehnen. Da werden, wie dieser Tage wieder, selbst verstaubteste Pseudoargumente gegen Zoos reanimiert, etwa wenn vorgetragen wird, Zoos seien Relikte aus der Feudalzeit, der moderne Mensch sei aber jetzt weiter entwickelt, dürfe sich nicht mehr zum Feudalherren aufschwingen, und im Zeitalter von Billigflügen könne sich jeder die "wilden Tiere" auch vor Ort anschauen.
Lediglich die Menagerie geht auf die Feudalzeit zurück, während die Wurzeln vieler deutscher Zoos im aufgeklärten Bürgertum zu finden sind. "Von Bürgern für Bürger", so Christoph Scherpner in dem Jubiläumsband "125 Jahre Zoologischer Garten Frankfurt am Main". Die Hagenbecks zählten nicht zu den Feudalherren, und selbst die Stuttgarter Wilhelma wurde zwar von König Wilhelm I. von Württemberg (als Gartenhaus mit Wohngebäude!) in Auftrag gegeben, erfuhr ihren Ausbau zum Zoologischen Garten im wesentlichen aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg.
Als Relikt aus einer undemokratischen Epoche könnte man auch Schloss Neuschwanstein ansehen. Ein melancholischer, zuweilen depressiver König ließ es in Verkennung der finanziellen Möglichkeiten seiner Untertanen zu seiner persönlichen Erbauung errichten. Reißt man es deswegen ab? Natürlich nicht, denn Bedeutung und Nutzung des Bauwerks haben sich gewandelt. Ähnlich verhält es sich mit Zoos, deren Zweckbestimmung eben nicht mehr im bloßen Vorzeigen möglichst vieler fremdländischer Tiere in kleinen Käfigen besteht. Die Zoos haben sich verändert, verändern sich immer noch, werden es immer wieder tun müssen. Dem Zookritiker geht das nicht schnell genug, der Zoogegner konstatiert Stillstand. Und sie bewegen sich doch!
Den altbackenen Vorschlag, Menschen, die Wildtiere erleben möchten, dorthin zu schicken, wo diese Tiere natürlicherweise noch vorkommen, kann man nur als realitätsfern, wertblind, unsozial und tierfeindlich bezeichnen. Die Aufgabe moderner Zoos besteht eben nicht nur darin, Tiere zu zeigen. Vielmehr haben Zoos auch einen Bildungsauftrag, sind dem Artenschutz (z.B. im Rahmen von Erhaltungszuchtprojekten) und der wissenschaftlichen Forschung verpflichtet. Die Tierbeobachtung in freier Wildbahn ist in einem anderen Kontext zu sehen. Die Natur ersetzt nicht den Zoo, der Zoo nicht die Natur.
Millionen Menschen können sich weder Fern- noch sonstige Reisen leisten, kommen folgerichtig in den Vorschlägen der sich als moralische Elite gebenden Zoogegner nicht vor. Gleichzeitig wird dem Massentourismus zu den letzten Refugien der Tierwelt das Wort geredet, obwohl dokumentiert ist, dass dieser "Tierkonsum" in manchen Nationalparks bereits zu einer Plage geworden ist. Längst werden vielerorts die Besucherzahlen limitiert, weil man es den Tieren ersparen möchte, ganzjährig im Blitzlichtgewitter fotografierender Touristen zu leben, die mit ihren Minibussen auch den allerletzten Löwen umzingeln und aus der Siesta reißen.
Das Paradies ist verloren, eine stetig wachsende Weltbevölkerung bringt die wildlebenden Tiere in Bedrängnis. Zoos allein können diese Entwicklung nicht stoppen, aber wer, wenn nicht die Mitarbeiter in Zoos, ist denn dazu befähigt, einem breiten Publikum Tiere zu zeigen, zu erklären und für deren Schutzbedürftigkeit zu werben? Tierrechtler etwa, die den Tiergarten Straubing wegen Nichtbehandlung "schwer kranker" Trampeltiere anzeigen wollten (die Kamele waren im Haarwechsel), die Ernährung von Hunden und Katzen mit vegetarischer Kost propagierten, damit Haustiere nicht zu "Mördern" werden (Frankfurt)?
Die Aktionsgemeinschaft PRO FAUNA verteidigt nicht die Zoos. Zum einen, weil es DIE Zoos ohnehin nicht gibt, sondern vielmehr eine Vielfalt von Einrichtungen existiert, die nicht vergleichbar sind. Zum anderen brauchen Zoos keine Verteidigung, sondern - ggf. auch mit Kritik verbundene - Unterstützung.